Biohazard

Schwarz+Weiß=Grau!

biohazard2 Es gab eine Zeit, in der manchen Menschen der Begriff „shades of grey“ nicht nur im Zusammenhang mit – sagen wir – Liebesromanen geLÄUFIG war (man beachte das BILDeske Wortspiel), sondern auch in einem anderen Zusammenhang. Es war weniger „50 Shades of Grey“ als „shades of grey ´89“.

Ja, es handelte sich auch um eine Form von Hardcore und ja, gehauen wurde hier auch, und zwar permanent auf die zwölf. Statt Peitschen gab es jedoch anderweitig Hiebe…

Die Protagonisten, die diesen Begriff – und durch ihre Musik auch meine Jugend – prägten, waren keine Autoren, sondern Musiker: BIOHAZARD. (Dass Bassist/ Sänger Evan Seinfeld später als Pornostar Karriere machen sollte, sei hier nur als kleine Randnotiz erwähnt!).

Der Song “shades of grey” befand sich auf dem zweiten Album der Band, “Urban Discipline”. “Urban Discipline”, das klang nach Ghetto und bösen Typen, die sich an brennenden Mülltonnen wärmten. In anderen Worten: Es war das, was wir als deutsche Durchschnittsteenager auch irgendwie wollten, jedoch leider, leider das Pech hatten, im westeuropäischen Mittelstand aufzuwachsen.

Straight outta Brooklyn brachten Biohazard Songs zu Gehör, dass einem die Kleinstadtidylle nur so zerbröselte. Biohazard spielten die Art von aggressiver Mucke, die wir Jungs aus der Kleinstadt, denen das Glück nicht vergönnt war, in Brooklyn aufzuwachsen, einfach hören mussten. Wir hatten keine Street Cred, aber wir hatten Biohazard. Und – wir sahen da Parallelen, irgendwie: Sie hatten „Five blocks to the subway“, wir fuhren immerhin mit der Straßenbahn. Sie waren “Cornered”, wir haben gerne Fußball gespielt. Sie lebten im “Failed territory”, wir hatten meist “Failed relationships”, „Love denied“ waren wir als Teenager häufig – Jungs, ihr wisst halt „How it is“.

War Biohazard proletenhaft? Sicher. War das Macho-Mucke? Sicher. War es – vor allem in den frühen Tagen – mit Songs wie “Retribution” oder “America” manchmal etwas US-patriotisch-rechts-angehaucht-provokativ-gemeint-dümmlich? Leider sicher. Biohazard haben sich aber immer von jeglicher rechter Ideologie distanziert! Bestes Beispiel hierfür ist der Song “Black and White and Red all over” („Blood is spilled on black and white/ Different colors, why do we fight?/ Face the facts, stone cold sober/ Black and white and red all over)

War es aber später richtig gute Musik mit sozialkritischen und mitunter auch persönlichen Texten, bei der man immer irgendwie Gänsehaut bekam? Ganz sicher. Hier wurde in einer Geschwindigkeit und mit einer Intensität hantiert, dass es einem als jungem Menschen, der laute Musik mochte, eine Freude war.

Ja, ich war ein großer Fan. Als Bobby Hambel die Band Mitte der 90er-Jahre verließ, konnte ich Take-That-Fans nachfühlen, wie es ihnen mit dem Weggang von Robbie Williams ergangen sein musste…Ich habe – glaube ich zumindest – nie mehr davor und danach so sehr auf ein neues Album gewartet, wie es bei “Mata Leao” der Fall gewesen war. Ach ja, “Fuck the rules”, Leute, das war was!

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Und, was für Bands aus diesem Genre nicht die Regel war: Diese vier Herren mit – so nehme ich an – laaaaaaangen Vorstrafenregistern (Wir reden hier nicht von Wirtschaftskriminalität) und durchaus disputablem Leumund (einer der Herren hat sich später – wie bereits erwähnt – als „Erwachsenenfilme“-Schauspieler verdingt), konnten ihre Instrumente nicht nur verprügeln bzw. mit ihren Instrumenten Leute verprügeln (wovon ich schon Zeuge bei einem Konzert geworden bin: Nachdem ca. 1 Stunde lang das Wort „Motherfucker“ und dessen Derivate auf das Publikum niedergegangen waren, konnte ein junger fränkischer Konzertbesucher nicht mehr an sich halten und ließ auch der Band ein freundliches Wort, das man eher aus dem US-Rap als aus beschaulichen deutschen Städten kennt, zukommen. Mit Love, Peace und Tolerance war es dann seitens des Herrn Evan S. nicht mehr allzu weit her, er schnallte – hauptsächlich seinen Bass, aber nicht nur – ab, sprang ins Publikum und konfrontierte den jungen HC-Afficionado Brooklyn-Style…).
Nein, sie konnten mit ihnen umgehen. Im Gegensatz zu gewissen Agnostic Front-Gitarristen musste hier live die Lautstärke nicht runtergedreht werden…(hier soll aber niemand STIGMAtisiert werden, damit das klar ist!). Danny Schuler trommelte wie ein Berserker (ja, ich weiß, sehr abgenutzte Metapher, aber es stimmt in diesem Fall einfach) und streute Breaks ein, dass einem Hören (vor allem Hören) und Sehen verging; Bobby Hambel sah zwar aus wie ein handelsüblicher Drogenabhängiger, spielte aber die besten Soli, während er sich wie ein Kreisel drehte, und dabei das Wort „fehlerfrei“ neu definierte. Bassmann Evan „Jerry“ Seinfeld fiel zwar eher durch seine Körperbemalung auf, dennoch malträtierte auch er die vier Seiten beim Singen, dass Tom Araya oder Lemmy ihren Spaß daran gehabt haben müssen. Und dann ist der noch der Virtuose Billy Graziadei (Gitarre/ Gesang). Äußerlich würde er in jedem Fußballstadion in den Stehplatzbereich passen, aber innerlich – ein Musikus. Eigentlich zu talentiert für derartige Musik…sollte man als Großkotz meinen…

Biohazard machten schon vor 20 Jahren das, was der US-Amerikaner gemeinhin “thinking outside the box” nennt. Alleine zwei Songs auf einem Album mit Klavierintro (nachzuhören auf dem Album “State of the world adress” bei den Songs “What makes us tick” und “Love denied”, btw: Welche HC-Metal-Band hatte es bis dato gewagt, einen Song “Love denied” zu titulieren?)? Das hätte sich mal sonst jemand trauen sollen. Mal ganz davon abgesehen, dass man mit Sänger/ Gitarrist Billy Graziadei einen klassisch ausgebildeten Pianisten im Hause hatte. Klar: als echter New Yorker hat man anderes zu tun, als zur Musikschule zu gehen. Ich liebe Agnostic Front, aber musikalisch war das doch ein etwas größeres Kino.
Also, junge Menschen dieser Welt: Hier habt ihr Vorbilder (Minus Pornokarriere, minus ab und an politisch bedenkliche Statements). Trotzdem: The BIO und ich? „Down for life“!

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'Schwarz+Weiß=Grau!' have 1 comment

  1. Februar 1, 2015 @ 7:51 pm El Corazoner

    Alles sehr richtig!
    Musik für Leute on the wrong side of the tracks…
    Kann auch die “Reborn in defiance” von 2012 empfehlen. Der Titel ist Programm.
    Bis denn

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